KI entscheidet nicht neutral – warum Algorithmen Verantwortung brauchen

KI wird häufig als sachlich, neutral und objektiv wahrgenommen. Gerade diese Zuschreibung birgt im pädagogischen Kontext Risiken, weil sie Verantwortung verschleiern kann. In dieser Unit setzt du dich mit der Frage auseinander, warum Algorithmen immer menschengemacht sind und weshalb Verantwortung nicht an Technik delegiert werden kann. Auf Grundlage zentraler Argumente von Katharina Zweig reflektierst du, was dies für pädagogische Entscheidungen, Haltung und Praxis bedeutet.

Loslegen

Algorithmen treffen keine Entscheidungen im moralischen Sinn. Sie führen aus, was Menschen zuvor festgelegt haben

 

Nimm dir kurz Zeit für folgende Fragen:

  1. Wann hast du zuletzt gehört oder selbst gesagt: „Das hat das System so entschieden“

  2. In welchen pädagogischen Kontexten begegnen dir bereits algorithmische Entscheidungen

  3. Fühlt sich eine automatisierte Entscheidung für dich verantwortungsvoller an als eine menschliche

 

Fertig?

Gemeinsam mit deinem Buddy: 


Tauscht euch darüber aus, wo in eurem Arbeitsfeld Verantwortung beginnt und wo sie möglicherweise unbewusst an Systeme abgegeben wird.

 

Neues entdecken

KI-Systeme erscheinen oft objektiv, weil sie mit Zahlen, Regeln und Berechnungen arbeiten. Diese scheinbare Neutralität verdeckt jedoch, dass Algorithmen auf menschlichen Annahmen, Zielsetzungen und Daten beruhen.

Bereits bei der Auswahl der Daten und der Definition von Erfolgskriterien werden Wertentscheidungen getroffen. KI kann daher keine neutralen Urteile fällen, sondern reproduziert menschliche Perspektiven in technischer Form.

Grundverständnis: Was bedeutet „nicht neutral“

Neutralität wird häufig mit mathematischer Berechnung gleichgesetzt. Katharina Zweig macht deutlich, dass Algorithmen zwar formal korrekt rechnen können, aber niemals losgelöst von menschlichen Entscheidungen agieren. Jede algorithmische Entscheidung basiert auf drei Ebenen menschlicher Setzungen:

  •  erstens der Auswahl des Problems, das gelöst werden soll
  •  zweitens der Definition von Zielen und Bewertungskriterien
  •  drittens der Auswahl, Aufbereitung und Gewichtung von Daten

Diese Ebenen sind nie wertfrei. Sie spiegeln gesellschaftliche Normen, institutionelle Interessen und implizite Annahmen wider.

Daten als soziale Konstruktion

Daten gelten häufig als objektive Abbilder der Realität. Tatsächlich entstehen sie in sozialen Kontexten. Sie sind unvollständig, selektiv und historisch geprägt. Bestimmte Gruppen, Perspektiven oder Erfahrungen sind in Datensätzen oft unterrepräsentiert oder verzerrt. Algorithmen übernehmen diese Verzerrungen, ohne sie erkennen oder korrigieren zu können.

Relevanz für Bildung und Gesellschaft

Im Bildungs- und Sozialbereich kann die Zuschreibung von Neutralität dazu führen, dass Entscheidungen weniger hinterfragt werden. Pädagogische Verantwortung droht sich zu verlagern, weg von reflektierter professioneller Einschätzung hin zu technischer Autorität. Dies steht im Spannungsfeld zu demokratischen Prinzipien, Inklusion und Teilhabe.

Herausforderungen und Chancen

Eine zentrale Herausforderung besteht darin, algorithmische Entscheidungen als das zu erkennen, was sie sind: technische Umsetzungen menschlicher Wertungen. Gleichzeitig liegt darin eine Chance, Verantwortung bewusster wahrzunehmen und Entscheidungsprozesse transparenter zu gestalten.

Bezug zu Demokratie und Inklusion

Demokratische Bildung lebt von Aushandlung, Reflexion und Verantwortung. Wenn Entscheidungen automatisiert werden, ohne nachvollziehbar zu sein, geraten diese Prinzipien unter Druck. Für inklusive pädagogische Arbeit ist es daher zentral, algorithmische Systeme nicht als Autoritäten zu behandeln.

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Eintauchen 1

Automatisierung verändert nicht die Existenz von Verantwortung, sondern ihre Form. Je komplexer und undurchsichtiger Systeme werden, desto größer ist die Gefahr, Verantwortung zu diffundieren.

Katharina Zweig betont, dass Verantwortung nicht an Technik abgegeben werden kann, sondern aktiv gestaltet werden muss. Für Pädagog:innen bedeutet das, eine klare Haltung gegenüber KI einzunehmen.

Verantwortung als ethische Kategorie

Verantwortung setzt voraus, dass jemand Entscheidungen verstehen, begründen und verantworten kann. KI-Systeme erfüllen diese Voraussetzungen nicht. Sie haben kein Verständnis für Konsequenzen, keine moralische Urteilskraft und keine Fähigkeit zur Selbstreflexion. Verantwortung verbleibt daher bei den Menschen, die Systeme entwickeln, einsetzen und legitimieren.

Verantwortung in komplexen Systemen

In der Praxis ist Verantwortung häufig verteilt. Entwickler:innen, Institutionen, Träger und Fachkräfte sind gemeinsam beteiligt. Gerade diese Verteilung kann dazu führen, dass sich niemand mehr zuständig fühlt. Zweig warnt ausdrücklich vor dieser Form der Verantwortungsdiffusion.

Systemische Perspektive

Aus systemischer Sicht beeinflussen KI-Systeme Entscheidungslogiken, Rollen und Machtverhältnisse. Pädagog:innen geraten potenziell in die Rolle von Ausführenden statt Gestaltenden. Eine bewusste Haltung ist notwendig, um diese Dynamik zu reflektieren und zu steuern.

Neue Blickwinkel

Historisch betrachtet wurden technische Systeme immer wieder als objektiv wahrgenommen, etwa standardisierte Tests oder statistische Verfahren. KI steht in dieser Tradition, verstärkt sie jedoch durch Geschwindigkeit und Intransparenz. Ein interkultureller Blick zeigt zudem, dass Vorstellungen von Fairness und Gerechtigkeit kulturell geprägt sind und nicht algorithmisch vereinheitlicht werden können.

Verbindung zur pädagogischen Praxis

Für pädagogische Fachkräfte bedeutet Verantwortung im KI-Kontext, Entscheidungen nicht zu delegieren, sondern zu prüfen, einzuordnen und gegebenenfalls zu korrigieren. KI kann unterstützen, darf aber niemals letzte Instanz sein.

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Fertig?

Überlege gemeinsam mit deinem Buddy:

  • Wo in eurem Arbeitsfeld könnte Verantwortungsdiffusion entstehen?
  • Entwickelt mindestens zwei konkrete Leitfragen, die ihr euch vor dem Einsatz eines KI-Systems stellen würdet.

 

Ausprobieren 1

Verantwortung bewusst verorten und professionell gestalten

Der Transfer richtet den Blick auf die eigene professionelle Haltung im Umgang mit KI. Ziel ist es, Verantwortung nicht abstrakt zu diskutieren, sondern konkret im eigenen Handlungsfeld zu verorten. Ihr reflektiert, an welchen Stellen ihr Entscheidungen bewusst trefft und wo ihr Gefahr lauft, Verantwortung an technische Systeme oder institutionelle Vorgaben abzugeben.

Aufgabe
 Nimm dir Zeit für eine schriftliche Selbstreflexion oder im Buddy-Austausch

 

Bearbeitet folgende Leitfragen:

  • In welchen Situationen in meinem pädagogischen Alltag könnten KI-gestützte Systeme Entscheidungen beeinflussen oder vorbereiten?

  • Wo erlebe ich bereits eine Tendenz, Empfehlungen von Systemen als objektiv oder alternativlos zu betrachten?

  • An welchen Stellen möchte ich Verantwortung bewusst bei mir behalten, auch wenn technische Unterstützung verfügbar ist?

Fertig?

Formuliere anschließend drei persönliche Leitlinien für deinen Umgang mit KI, zum Beispiel in Bezug auf Transparenz, Entscheidungsfreiheit oder Begründungspflicht.

 

Ausprobieren 2

Verantwortung sichtbar machen im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen

Im pädagogischen Alltag zeigt sich Verantwortung nicht nur in Entscheidungen, sondern auch darin, wie diese erklärt und begründet werden. Kinder und Jugendliche erleben KI häufig als undurchschaubare Autorität. Pädagog:innen haben die Aufgabe, diese Wahrnehmung einzuordnen und Verantwortung sichtbar zu machen.

Gemeinsam mit deinem Buddy:
Entwickelt eine kurze Erklärung, mit der ihr Kindern oder Jugendlichen verdeutlichen könnt,

  • dass KI keine neutralen Entscheidungen trifft

  • dass hinter jedem System menschliche Entscheidungen stehen

  • dass Technik unterstützen kann, aber keine Verantwortung übernimmt

Überlegt dabei:

  • Welche Begriffe sind altersangemessen?

  • Wie könnt ihr Unsicherheit und Grenzen von KI verständlich machen, ohne Angst zu erzeugen?

  • Wie könnt ihr Kinder und Jugendliche zur eigenen kritischen Haltung ermutigen?

Optional kann diese Erklärung als Gesprächsimpuls, Gruppenregel oder Leitgedanke im Alltag genutzt werden.

 

Abschließen

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Der Einsatz von KI berührt grundlegende gesellschaftliche Fragen zu Verantwortung, Macht und Gerechtigkeit. Pädagog:innen nehmen hier eine Schlüsselrolle ein, da sie nicht nur handeln, sondern auch Haltung vermitteln. 

KI-Systeme verändern Entscheidungsprozesse in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Wie wir mit Verantwortung umgehen, prägt nicht nur individuelle Praxis, sondern auch institutionelle Kulturen und gesellschaftliche Leitbilder.

Reflexionsfragen

  • Welche Formen von Verantwortung möchte ich in meinem pädagogischen Handeln bewusst sichtbar machen?

  • Wo sehe ich die Gefahr, Verantwortung zu delegieren oder zu verschleiern?

  • Was möchte ich im Umgang mit KI beibehalten, weil es professionell und verantwortungsvoll ist?

  • Was möchte ich verändern, um Verantwortung klarer zu übernehmen?

  • Welche Haltung möchte ich an Kinder, Jugendliche, Kolleg:innen oder Eltern weitergeben?