Norm? Macht? Neutralität? – Bildungsräume kritisch diversitätsbewusst gestalten
Du gestaltest tagtäglich Räume – nicht nur physisch, sondern auch durch Sprache, Routinen und Haltung. In dieser Unit schaust du hinter die Fassade scheinbarer Neutralität und erkennst: Jeder Bildungsraum ist geprägt von Normen und Machtverhältnissen. Du lernst, wie du diskriminierungssensibel handeln, Verantwortung übernehmen und deinen pädagogischen Alltag inklusiver gestalten kannst – gemeinsam mit den Menschen, mit denen du arbeitest.
Loslegen
Stell dir vor, du betrittst zum ersten Mal eine Bildungsinstitution.
Du kennst niemanden, weißt nichts über Gepflogenheiten.
– Worauf achtest du?
– Welche Hinweise zeigen dir, ob du gemeint bist?
– Was würde dir helfen, dich sicher, willkommen und wirksam zu fühlen?
Neues entdecken
Der Raum ist nicht neutral
Räume als Spiegel gesellschaftlicher Normen
Räume in Bildungseinrichtungen wirken niemals neutral – sie spiegeln soziale, kulturelle und institutionelle Normen wider. Wandbilder, Möbelanordnung, Aushänge, Rituale oder Zugangskontrollen vermitteln unterschwellig, welche Körper, Sprachen, Themen und Lebensrealitäten gewollt sind – und welche unsichtbar bleiben.
Beispiel: Eine Schule mit dem Leitspruch „Vielfalt macht stark“, aber ausschließlich Bildern weißer Persönlichkeiten an der Wand, vermittelt eine widersprüchliche Botschaft – besonders an Kinder mit Rassismuserfahrung.
Unsichtbare Routinen und „Normalitätsfallen“
Viele Routinen erscheinen selbstverständlich: z. B. dass alle Kinder pünktlich sind, dass Eltern schriftliche Informationen verstehen, dass leise Arbeiten ein Zeichen von Konzentration ist. Doch diese scheinbare „Normalität“ ist kulturell und sozial geformt – und privilegiert bestimmte Gruppen.
Beispiel: Ein Kind mit Hörverarbeitungsschwierigkeiten wird ständig ermahnt, „nicht so laut zu sein“ – obwohl sein Verhalten aus seiner Wahrnehmungsperspektive heraus sinnvoll ist.
Macht in Raum, Blick und Kontrolle
Wer bestimmt, was gezeigt wird? Wer gestaltet? Wer darf im Klassenraum etwas verändern? Wer entscheidet über Platzverteilung, Nähe oder Rückzugsmöglichkeiten? Auch das sind machtvolle Fragen. Raumgestaltung und Interaktion sagen viel darüber aus, wessen Perspektiven als mitgestaltend gelten.
Beispiel: Ein Kita-Raum mit starren Regeln zur Raumordnung lässt Kindern kaum Möglichkeiten zur Aneignung oder individuellen Gestaltung – Selbstwirksamkeit bleibt begrenzt.
Pädagogische Implikationen
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Räume dialogisch gestalten: gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen und Kolleg:innen
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Implizite Erwartungen sichtbar machen: Was ist „gute Beteiligung“? Wer wird daran gemessen?
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Diversität auf allen Ebenen repräsentieren: Bilder, Sprachen, Materialien, Ausdrucksformen
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Strukturelle Barrieren abbauen: visuelle Zugänglichkeit, Orientierung, sensorische Bedürfnisse, Mehrsprachigkeit
Jetzt bist du dran:
Reflektiere deinen eigenen Bildungsraum (Kita, Schule, Sozialraum, Projektgruppe)
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Welche Rituale, Begrüßungen, Sitzordnungen, Wandgestaltungen etc. gelten dort?
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Für wen sind diese selbstverständlich, für wen nicht?
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Welche ungeschriebenen Regeln herrschen? Wer hat sie mitentwickelt?
Eintauchen 1
Nachdem du im ersten Teil erkannt hast, dass Bildungsräume nie neutral sind, richtet sich der Blick nun auf dich selbst und deine professionelle Rolle. Oft gilt Neutralität als Zeichen von Professionalität – doch gerade im pädagogischen Alltag kann Nicht-Positionierung Machtverhältnisse stabilisieren. Dieser Teil lädt dich ein, das Ideal der Neutralität kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, welche Wirkung Schweigen, Zurückhaltung oder „Objektivität“ tatsächlich haben. Dabei geht es nicht um Schuld, sondern um Verantwortung und Handlungsspielräume.
Ist professionell=neutral?
Finde es heraus und lies:
Neutralität – ein trügerisches Ideal
Fertig?
Überlege gemeinsam mit deinem Buddy:
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Welche Machtverhältnisse werden durch "Nichtpositionierung" aufrechterhalten?
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Welche Kinder fühlen sich dadurch geschützt, welche allein gelassen?
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Wie könnte eine verantwortungsvolle Haltung aussehen?
Ausprobieren 1
Die Auseinandersetzung mit Neutralität endet nicht bei theoretischen Überlegungen, sondern berührt deine eigene Haltung und Praxis. Dieser Abschnitt gibt dir Raum, ehrlich auf dein berufliches Handeln zu schauen und eigene Erfahrungen, Unsicherheiten und Muster zu reflektieren. Du bist eingeladen, blinde Flecken wahrzunehmen und deine bisherigen Entscheidungen in einem neuen Licht zu betrachten. Ziel ist es, Klarheit darüber zu gewinnen, wo und wie du künftig bewusster Haltung zeigen möchtest.
Notiere für dich – gerne auch im Austausch deinem Buddy:
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Was bedeutet für dich "professionelle Haltung"? Welche impliziten Werte stecken für dich darin?
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In welchen Situationen hast du selbst bereits geschwiegen, obwohl du Ungerechtigkeit wahrgenommen hast? Warum?
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Welche "blinden Flecken" erkennst du rückblickend bei dir selbst?
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In welchem pädagogischen Kontext möchtest du künftig bewusster Position beziehen – und was brauchst du dafür?
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Welche konkreten Worte, Gesten oder Interventionen könntest du künftig nutzen, um Haltung zu zeigen?
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Welche Unterstützungsstrukturen (z. B. Fortbildung, Kollegialberatung, Supervision) könnten dir helfen, dich sicherer zu fühlen?
Abschließen
Plane eine konkrete Veränderung für dein berufliches Umfeld:
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Wähle einen Bereich (z. B. Morgenkreis, Elterngespräche, Aushänge, Regeln im Gruppenraum).
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Reflektiere: Welche impliziten Normen wirken dort? Wer fühlt sich gesehen – wer nicht?
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Entwickle eine alternative Gestaltung – gemeinsam mit Kolleg:innen, Kindern oder Eltern.
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Dokumentiere erste Rückmeldungen und leite daraus ein nächstes Handlungsvorhaben ab.
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Teile deinen Prozess im Team – als Beitrag zu einer lernenden, diskriminierungssensiblen Praxis.
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Plane eine kleine Präsentation oder Fotodokumentation, um auch andere Teammitglieder einzubeziehen und zur Reflexion anzuregen.